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Die Professur für Restaurierungswissenschaft am Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT) der Otto-Friedrich-Universität Bamberg unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Bellendorf zusammen mit der Fakultät für Geotechnologie des Fachbereichs Bauingenieurswesen der Technischen Universität Prag unter der Leitung von Mgr. Kateřina Kovářová, Ph.D., untersuchen in dem Projekt „Gemeißelte Erinnerung“ Steinoberflächen mittelalterlicher Bauwerke. Ziel des gemeinsamen Forschungsprojekts ist es, anhand überlieferter Werkzeug- und Bearbeitungsspuren Erkenntnisse zu den historischen Beziehungen zwischen dem Gebiet des heutigen Bayerns und Tschechiens zu gewinnen.

Die ausgewiesene Expertise der Prager Forschenden zu mittelalterlichen Steinmetztechniken an sakralen und profanen Bauwerken in Tschechien ergänzt sich hervorragend mit der denkmaltechnologischen Methodenkompetenz der Bamberger Wissenschaftler. Dazu analysieren und vergleichen die beiden Kooperationspartner am Beispiel ausgewählter Bauwerke Werkzeugspuren von mittelalterlichen Steinoberflächen. Die Auswahl der Untersuchungsobjekte orientiert sich an historischen Handelsstraßen und umfasst bedeutende Bauten des Mittelalters in den bayerischen Städten Bamberg, Nürnberg, Regensburg und Augsburg sowie in den böhmischen Städten Prag, Cheb (Eger) und Kolín (Kolin). Auf dieser Grundlage sollen regionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede im mittelalterlichen Steinmetzhandwerk identifiziert, Entwicklungsverläufe der Steinbearbeitung in Bayern und Tschechien nachgezeichnet sowie Hinweise auf die Mobilität der Handwerker gewonnen werden. Ergänzend wird die Erhaltungssituation der Oberflächen untersucht, insbesondere im Hinblick auf den witterungsbedingten Verlust von Werkzeugspuren und die damit verbundenen Informationsverluste.

Nach einer umfassende Archivrecherche zur Restaurierungs- und Veränderungsgeschichte der zu untersuchenden Objekte, begleitet von einem intensiven Austausch mit Experten, begann in der zweite Projektphase die Begehung der ausgewählten Bauwerke, um Gesteinsherkunft sowie die handwerkliche Bearbeitungsspuren zu bestimmen und zu analysieren. Hierbei kommt eine eigens vom tschechischen Projektpartner entwickelte Methode der Infrarot-Reflektionsspektroskopie zum Einsatz, mit deren Hilfe regionale Eigenheiten ebenso wie überregionale Gemeinsamkeiten der Steinbearbeitung identifiziert werden können.

Die ersten Untersuchungen in Tschechien fanden am 10. und 11.12.2024 im Rahmen eines Projekttreffens in Prag statt. Gemeinsam wurden verschiedene Bereiche des Prager Veitsdoms begangen und hinsichtlich ihrer Eignung für vertiefende Analysen bewertet. Weitere Untersuchungen im Veitsdom konnten am 3.4.2025 durchgeführt werden. Ergänzend dazu wurde die St.-Bartholomäuskirche in Kolín besichtigt, in der mehrere geeignete Oberflächen identifiziert wurden. Der tschechische Teil der Datenerfassung wurde am 7. 10.2025 vorläufig abgeschlossen. Ein weiterer Untersuchungstermin in Cheb am 15.9.2025 zeigte hingegen, dass die dortigen Oberflächen aufgrund späterer Ersetzungen und des verwendeten Granits für die geplanten Analysen nicht geeignet sind.

Parallel dazu fanden umfangreiche Untersuchungen in Deutschland statt. Die erste Dokumentationskampagne im Bamberger Dom erfolgte im Dezember 2024. Weitere Aufnahmen folgten im April 2025, wo zusätzlich 3D-Scans und infrarotspektroskopische Analysen durchgeführt wurden. In Regensburg fanden im Frühjahr 2025 Untersuchungen in St. Emmeram statt, während in Nürnberg vorbereitende Begehungen in St. Sebald sowie Untersuchungen in der Frauenkirche und der Doppelkapelle der Kaiserburg erfolgten. Sämtliche Begehungen wurden von regelmäßigen deutsch-tschechischen Projekttreffen begleitet, die dem fachlichen Austausch und der Koordination der weiteren Arbeitsschritte dienten.

In der dritten Projektphase werden die Steinoberflächen mithilfe eines in Bamberg etablierten opto-technischen Monitorings digital erfasst. Dabei entstehen hochauflösende 3D-Modelle, die virtuell übereinandergelegt werden können, um selbst geringste Abweichungen sichtbar zu machen. Dies ermöglicht nicht nur Aussagen zu unterschiedlichen Verwitterungsgraden, sondern auch Prognosen zu zukünftigen Abnutzungserscheinungen. Die Datenerhebung erfolgt mit einem handgeführten Structured-Light-Scanner, der eine sehr präzise Dokumentation selbst feinster Werkzeugspuren erlaubt. So wurden zahlreiche Scans erstellt, unter anderem auch in Regensburg beim Besuch des Historischen Museums Anfang Dezember 2025, bei dem die Figuren der Steinernen Brücke analysiert wurden. Weitere Aufnahmen sind in Nürnberg entstanden. Zum Bamberger Team gehört auch Leander Pallas, der für die 3D-Aufnahmen zuständig ist und bereits als studentische Hilfskraft am KDWT tätig war: „Ich bin wirklich dankbar, dass ich durch die Teilnahme an diesem Projekt wertvolle Erfahrung in der wissenschaftlichen Projektabwicklung und auch Selbständigkeit in meiner Forschungsarbeit gewinnen konnte.“

Im nächsten Schritt ist es nun geplant, die gewonnenen Daten zusammenzuführen und systematisch auszuwerten. Die Kombination aus 3D-Daten, fotografischer Dokumentation und Kontextinformationen bildet eine belastbare Grundlage für vergleichende Analysen über Regionen und Bauphasen hinweg. Der wachsende gemeinsame Datenbestand soll dazu beitragen, typische Muster der Werkzeugverwendung und der Steinbearbeitung zu identifizieren. Die enge deutsch-tschechische Zusammenarbeit schafft hierfür dank komplementärer methodischer und regionaler Expertise ideale Voraussetzungen und eröffnet vielversprechende Perspektiven für die weitere wissenschaftliche Auswertung des Projekts.

Das Projekt wird von 2024 bis 2026 durch die Bayerisch-Tschechische Hochschulagentur aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Schulwesen, Jugend und Sport der Tschechischen Republik gefördert.

Bericht der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Bericht der Technischen Universität Prag

Text: BTHA
Foto: BTHA, Vladimír Šigut; Otto-Friedrich-Universität Bamberg

  • 0 Titelbild BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  • 1 Uni Bamberg Bamberger Dom Ostkrypta
  • 2 Uni Bamberg Nurnberger Frauenkirche Vorhalle
  • 3 Uni Bamberg Doppelkapelle Nurnberger Burg
  • 4 Uni Bamberg Stadtpfarrkirche St Sebald Nurnberg
  • 5 Historisches Museum Regensburg Vladimir Sigut
  • 6 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  • 7 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  • 8 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  • 9 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  •  10 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  •  11 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  •  12 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  •  13 BTHA Vladimir Sigut Historisches Museum Regensburg
  •  14 Uni Bamberg Doppelkapelle Burg Cheb
  •  15 Uni Bamberg St Emmeram Ringkrypta Regensburg
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